Abb. :: Darstellung von Wolken, Blitzen und Wasser in dem Tastbilderbuch »Die kleine Wolke Clementine«
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Taktile Bilderbücher, auch Tastbilderbücher oder Reliefbücher genannt, sollen blinden und sehschwachen Kindern über das Abtasten von Formen und Linien eine Vorstellung des »abgebildeten« Gegenstands vermitteln und sie — in Hinblick auf das Erlernen der Braille-Punktschrift — darin unterstützen, ihren Tastsinn zu entwickeln. Letzteres wird damit ohne Zweifel gut gelingen; es ist jedoch sehr umstritten, ob das Ertasten von Umrißlinien etwa eines Baums oder einer Wolke zu einer adäquaten Vorstellung dessen, was ein Baum oder eine Wolke ist, führt. Tastbilderbücher vermitteln sehr gut Materialeigenschaften (z.B. weich - hart, grob - fein), Größenverhältnisse, Begriffe wie Fläche und Linie.

Für das normalsichtige Kind sind Umriß und Farbe sowie Formgebung die wesentlichsten Merkmale eines Gegenstands. Da die Abbildungen, obwohl zweidimensionaler Art, zumindest Umriß und Farbgebung, aber auch die in der Fläche gestaltete Form eines realen Gegenstands wiedergeben, hat das Kind mit dem Erkennen des abgebildeten Objekts relativ wenig Schwierigkeiten. Visuell besteht eine große Übereinstimmung zwischen Abbild und Realität. Der eigentliche Lernprozess beim normalsichtigen Kind besteht darin, zu erfassen, dass er abgebildete Gegenstand nicht greifbar ist, sondern dass es sich eben nur um ein zweidimensionales Abbild handelt.

Für das blinde oder stark sehschwache Kind jedoch ist der erforderliche Lernprozess weitaus komplizierter und erfordert ein viel größeres Abstraktionsvermögen. Das ausschlaggebende Erkennungsmerkmal ist bei der taktilen Erfassung die dreidimensionale Form eines Gegenstands, hinzu kommen tastbare Oberflächenbeschaffenheiten. Beim Reliefbild fällt dies alles weg, die Dreidimensionalität wird lediglich angedeutet, die Oberflächenbeschaffenheit wird — wenn überhaupt — nur in ihrer Struktur wiedergegeben, das Material bleibt weitgehend unberücksichtigt. Im Gegenteil: die gängigste Herstellungsmethode, das Thermoformverfahren mit homogener Kunststoff-Folie bewirkt eine dauerhafte Beeinträchtigung der Tastsensibilität und eine Verarmung der Phantasie. So ist es verständlich, dass das blinde Kind fast unüberwindliche Schwierigkeiten haben muß, einen realen Gegenstand in der Abbildung zu identifizieren und das Wesen einer Abbildung als solches zu erfassen.

Es ist zu überlegen, ob nicht in Tastbilderbüchern vermehrt auf eine abstrakte Darstellungsweise übergegangen werden soll. Einfache Geschichten lassen sich ebenso gut — vielleicht sogar ansprechender und phantasievoller — anhand abstrakter, leicht erkennbarer Figuren veranschaulichen. Erfahrungen mit solchen »abstrakten« Bilderbüchern, wie Leo Lionnis »Das kleine Blau und das kleine Gelb« oder Virginia Allen Jensens »Was ist das?« haben die für Kinder typische Fähigkeit gezeigt, Belebtes wie Dingliches zu personifizieren, und diese Fähigkeit ist zweifellos auch auf blinde Kinder übertragbar. Darüberhinaus würde die abstrakte Darstellungsweise es dem tastenden Kind ermöglichen, seine Aufmerksamkeit weniger auf den mühsamen Tast- und Erkennungsvorgang, als eher auf den Inhalt der Geschichte zu lenken.